An Tagen, wie diesen möchte man doch lieber wieder in Deutschland leben. Einfach mal so in einen anständigen Kinderschuhladen gehen, den Kindern von Schuhfachverkäufern die Füße ausmessen lassen, aussuchen, anprobieren, entscheiden, bezahlen, Laden verlassen. Nicht so hier!
Meine Kinder brauchten Schuhe. Alleine die Vorstellung mit allen dreien Schuhe kaufen zu gehen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. Tochter 1 hatte, bis auf ihre Schuluniformschuhe, gar kein passendes Schuhwerk mehr und als sie am Wochende sagte: „Mama, ich bin so froh, wenn wir Schuhe gekauft haben, dann brauch ich endlich nicht mehr barfuß laufen!“ da habe ich dann bemerkt, dass ich den Schuhkauf nun schon seit Wochen vor mir herschiebe.
Gestern setzte ich dann also den Sohn ins Auto, holte die Mädchen von der Schule ab und wir fuhren los. Tochter 2 schlief schon nach den ersten Metern ein. Übermüdetes Kind + Kleinkind + nörgelnde 7jährige = vorprogrammiertes Chaos. Wir fuhren in´s Central. Das ist hier ein grosses Shopping-Mal mit allem was das Herz begehrt, wenn man genügend Geld und die richtige Grösse hat ;-) Ich nahm mir auch gar nichts anderes vor und steuerte direkt die Kinderschuhabteilung an.
Tochter 1 bekam im Laden den Auftrag, Sohn im Kinderwagen zu belustigen. Tochter 2 kam als erste an die Reihe. Der erste Schuhe war viel zu gross. Das Kind stolperte beim Probelauf und fiel hin. Erste Tränen! „Ohhh, it fit, Madam!“ sagte der Verkäufer und grinste freundlich. „Nix fits!“ dachte ich nur. Die Schuhe waren mindestens zwei Nummern zu gross. Ob er den Schuh auch in 27 habe, fragte ich den Verkäufer. „Ohhh, no Madam, smalest size!“ Ah, ok. Dann vielleicht in 33 für Tochter 1? „Oh, sorry Madam, finished!“ (ist Thai-Englisch und bedeutet nicht, dass der Schuh fertig ist, sondern das keine mehr da sind) Der nächste Schuhe. „Too small. Bigger?“ „Ohhh, no Madam, last one!“ Dann kamen die Schuhe an die Reihe, die Tochter 2 nicht so gut gefielen – aber man ist ja nicht auf einem Wunschkonzert. Ich pröffte ihre Füsse in einen Schuh. Sie kämpft – ich gewann. Der Schuh war an, aber sie rutschte mit der Ferse raus. Ich bin schon längst klätsch nass geschwitzt, weil ich ständig auf dem Boden rumkrieche, mich bücke und wieder rum renne und neue Schuhe suche. „Bigger?“ frage ich langsam genervt. „Ohhh, yes Madam!“ Ich jauchze innerlich. Der Schuhverkäufer, der noch einer werden möchte, rennt weg. Er kommt wieder mit dem richtigen Schuh, aber zwei Nummern bigger. Der ist natürlich viel zu gross. Ich werde langsam sauer und wechsel das Kind aus. Kauf ich eben der Tochter 1 Schuhe. SO! Lieber würde ich den Laden wechseln, aber der andere ist in Phuket Town und jetzt noch mal quer über die Insel… nö!
Tochter 2 beginnt selbstvergessen mit Plastiksandalen zu spielen, zieht ein Paar nach dem anderen aus dem Regal und hält mir ständig die schlimmsten Plastik-Schuhe mit Glitter, Bömmel, unter die Nase – manche Schuhe machen sogar beim Gehen Quitsch-Geräusche. Ich kann nicht fassen, dass Eltern ihre Kinder in solche Schuhe stecken. Lilis Lieblinge sind die, bei denen der Schriftzug mehrere Sekunden aufblinkt wenn man auftritt. „Nein, Kind. Ich möchte nicht, dass meine Kinder aussehen wie eine Leuchtreklame! Guck doch mal weiter…“
Dann widme ich mich der grossen Tochter. Zwei Meter neben mir quiekt der Sohn vergnügt im Kinderwagen. Eine Verkäuferin hat sich seiner angenommen und spielt thailändisches „Guck-guck“ mit ihm. Gut! Tochter 1 hat alles bestens vorbereitet. Neben ihr auf dem Boden stehen aufgereit zwei Paar Flip-Flops und 3 Paare Sneakers. „Gutes Kind – ach, hab ich sie alle liebe“, denk ich noch. „Mama, die könnte ich mir vorstellen!“ Ok, wo ist denn jetzt der Verkäufer. Ah, da kommt er. Sieht leicht genervt aus… eigentlich untypisch für Thais, die sind doch immer so freundlich. Liegt vielleicht daran, dass Tochter 2 schon das zweite Schuhregal im null komma nix leergeräumt hat und wie eine Primaballerina in Prinzessinen-Schuhe mit Absatz (!) herumtanzt. Hoffentlich macht sie nichts kaputt. Wir zeigen dem Verkäufer unseren Favoriten fuer die grosse Tochter. „33, please!“ flehe ich ihn an und er flitzt los. Ich frage mich, warum er nicht gleich alle Schuhe mitnimmt und alle in 33 anschleppt. Ist doch viel einfacher. Wir warten…
…aus der Ferne höre ich den Sohn krähen… aus der Ferne? Moment, der war doch eben noch im Kinderwagen. Die haben doch wohl nicht schon wieder… Scheisse, doch! Irgendjemand hat das kleine Monster abgeschnallt. Aber die nette Verkäuferin ist sicher bei ihm und bespielt ihn.Ups, die steht neben dem leeren Kinderwagen und grinst etwas dümmlich an. Hä? Ein Blick in die Spielwarenabteilung genügt. Ich sehen Barbiekartons fliegen und höre meine Sohn krähen. Ne, wie schön. Was hat der Junge für einen Spass. Ich bin am Rande eines Nervenzusammenbruchs und sprinte zu ihm. Rechtzeitig um die erste Barbie vor dem Auspacken zu retten. Sohn gröhlt wie ein wild gewordener Fußballfan. Ich schleppe ihn zum Kinderwagen und zurre ihn richtig gut fest. Die nette Verkäuferin steht immer noch neben dem Wagen und grinst mich an. „Ich hau Dich gleich! Du dumme Kuh!“ denke ich. Ich gucke sie so böse an, wie ich kann und hoffe, dass sie die Finger von meinem Kind lässt. Ich lass die Barbies liegen. „Sind die doch selber schuld. Was schnallen die auch immer mein Kind los“, denke ich.
Der Verkäufer kommt mit einem Karton um die Ecke geschlichen. Ich strahle ihn an. Yupieh! Der Favorit in der richtigen Grösse. Ich pack sie aus… Grösse 35. Nein, ich heul´ jetzt nicht! Ich guck den Verkäufer fragend an und der grinst und sagt: „Ohhhh, Madam, it fit!“ Ich ziehe der Lene die Schuhe nicht an. Warum auch, sind eh zu gross. Der Verkäufer ist, glaube ich, enttäuscht. Am liebsten würde ich ihm sagen, dass ich gerade wütend bin, aber er würde mich eh nicht verstehen. „No, es fits nich´! I want 33! OK?“ meine Stimme wird ein bisschen höher, überschlägt sich aber noch nicht. Er flitzt mit dem zweiten Paar los. Tochter 1 ist schon etwas angesäuert und Sohn brüllt den halben Laden zusammen. Versteh ich gar nicht. Dabei stehen drei Thais um in rum und versuchen ihn zu belustigen. Vielleicht stört es ihn, dass sie alle an ihm rumzupfen. Ich gehe hin und sage in thai: „Mai dschepp!“ was so viel heisst, wie „bitte nicht anfassen“. Es könnte aber auch „Flossen weg, sonst gibt´s Ärger“ heissen. Ich weiss nicht so genau. Jedenfalls treten alle einen Schritt zurück. Mein Kind kann wieder atmen und schaut mich dankbar an. Ich ziehe ihn etwas näher zu uns rüber, damit ich gleich dazwischen gehen kann, wenn ihn wieder einer abschnallt, anpackt oder ihm irgendwas in den Mund schiebt (das alles passiert hier ziemlich oft, manchmal sogar alle drei Sachen auf einmal :(
Der Verkäufer kommt mit zwei (!) Kartons. „Hui“, denke ich „jetzt gibt er aber richtig Gas!“ Der eine Schuh ist Grösse 32 der andere 35. „Nein, ich heule jetzt nicht. Nein, ist doch alles in Ordnung.“ Tochter 2 ist auch kurz vorm Heulen. Die Schuhe sind doch sooooooooo schön. Ich frage ihn, ob er vielleicht noch eine andere Farbe habe. „Yes, Madam. Have!“ sagt er stolz „in 33?“, fragt er noch „YES. OF COURSE 33? ODER MEINST DU DIE FÜSSE SIND IN DEN LETZTEN 10 MINUTEN ALS DU DIESEN SCHEISS KARTON GEHOLT HAST, NOCH EINE NUMMER GEWACHSEN?“ Ich sag nichts, aber innerlich schreie ich. *Liest eigentlich noch jemand ;-)* Diesmal braucht der Verkäufer nur 2 Minuten. Er kommt mit den gleichen Schuhen in Rosa (Tochter 1 hasst rosa!!!) und die Grösse: 34! Entnervt ziehe ich dem Kind die Schuhe an. Viel zu gross. Scheissegal! Ich habe keinen Bock mehr. Tochter 1 resigniert und sagt tapfer: „Mama, die sind doch ganz schön. Hätte die zwar lieber in Blau, aber macht nichts!“ Ok! Wenn das Kind Kompromisse macht, kann ich das auch. „We`ll take them!“ Der Verkäufer freut sich. Jetzt noch Turnschuhe! Dem Verkäufer erstirbt das Lachen auf dem Gesicht.
Sohn hat angefangen zu heulen. Er will raus. Hehe, nix is! Du wartest jetzt. Was ist eigentlich mit der Tochter 2? Ah, da liegt sie ja. Mit dem Kopf nach unten mitten im Gang und heult. Alle Leute müssen über sie drüber steigen. Das macht der Tochter aber gar nichts. Manche haben Mitleid und streicheln ihr im Vorübergehen über den Kopf – dann gibt sie knurrende Laute von sich, wie ein Tiger. Ich frage, was los ist? „Des is so g´mein. Die hat Schuhe und ich gaaaaaaaaaaaaaaaaaar keine. Ich will die blinken!“ Ich nehm ihr den Schuh aus der Hand, und frage den Verkäufer, ob er den Leuchtreklame-Schuh vielleicht in Tochter 2s Größe habe? „No, Madam. Biggest size!“ Wahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh. Der Kopf sinkt wieder auf ihre Arme und sie heult weiter.
Tochter 1 hat derweil Schuhe anprobiert, die ihr zwar nicht so gut gefallen, aber passen. Wow! Die nehmen wir direkt mit! Es sind 1,5 Stunden vergangen und ich bin so was von müde… Ich pflückt Tochter 2 vom Boden. Eine riesiger schleimiger Rotzevorhang erhebt sich und klebt gleichzeitg an ihrem Gesicht und am Boden. Ich nehm sie auf den Arm. Der Rotzevorhang zerreisst und klatscht auf den Boden. „Ne, das mach ich jetzt nicht weg! Sind die doch selber schuld“. Armes Kind! Tut mir richtig leid! Ich verspreche, morgen mit ihr in ein anderes Kaufhaus zu fahren, um da noch mal zu gucken. Klares Anzeichen für beginnenden Wahnsinn – wie kann ich mir das antuen. Aber ich erkenne es gleich selbst und sage dazu: „Schatz, das kann aber auch nächste Woche werden!“ Noch mehr Tränen.
Ich bezahle. Auch das nimmt wieder lange Minuten in Anspruch. Jedes Preisschildchen bekommt ein Stempelchen, jedes Schühchen sein Kartönchen, lange wird nach einer passenden grossen Tragetasche für Madame gesucht während mich Tochter 2 vollrotzt stehen fünf Thais hinter der Theke und grinsen mich an, packen gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz langsam alles ein und zählen gaaaaaaaaaaaaaanz langsam ALLE nochmal das Wechselgeld. *heul* *schrei* und hinter mir steht Tochter 1 und motzt, dass sie die Flip-Flops doch bitte sofort anziehen möchte. Sie habe das schon dem Verkäufer gesagt, aber der versteht´s nicht. Der steht hinter mir, ist somit der sechste Thai, der mit unserem Schuhkauf beschäftigt ist und grinst auch (wahrscheinlich froh drum, dass ich jetzt weg bin)
Ich packe nach dem Bezahlen die Schuhe wieder aus und geb sie Tochter 1. Die Preisschilder lass ich dran, weil ich die Bänder nicht durchreissen kann. Nach einer Schere zu fragen kommt mir schon gar nicht in den Sinn. Ich will nur noch raus. Tochter 1 trabt stolz zum Auto und Tochter 2 heult noch mehr „weil die Schwester so sick (schick) aussieht“ und eigentlich sollte sie doch auch Schuhe bekommen. Ich trage die Tochter 2 auf der linken Seite, in der rechten die riesige Tüte mit den zwei Kartons… da fehlt doch was. Ups, da kommt der Sohn schon um die Ecke – von der freundlichen Verkäuferin geschoben. Ich lächel sie dankbar an. Ich bin dankbar, dass er noch festgeschnallt ist. Ich schiebe den Sohn mit meiner Huefte weiter bis zum Auto, packe alles ein, schnall die Kinder an und will losfahren. „Tochter 1, gib mal das Parkticket“ „Ups!“ hör ich nur. Ich habe gar keine Energie mehr sie anzuschreien und frage nur leise (fast wie wahnsinnig), wo sie es hingelegt habe.
Ich lasse die Kinder im Auto und renne zurück in die Kinderschuhabteilung. War ich nicht gerade schon mal hier? Was ist das? Die Polstersessel sind wieder im Grüppchen zurecht gerückt (Sohn hatte sie wohl strategisch ungünstig über die Verkaufsebene verteilt), die Barbies sind einsortiert und strahlen um die Wette, selbst die Rotzefahne ist fort gewischt. Fünf Verkäufer wuseln in den Regalen rum und stellen Tochter 2s Schuhe zurück, wie sich das gehört. Nur mein Verkäufer ist weg. Den haben sie bestimmt nach Hause geschickt, das war wohl zu viel für ihn. Oder er liegt im Aufenthaltsraum auf dem Sofa und schläft. Ja, das würde ich auch gerne tun, aber ich muss das Ticket suchen. Tochter 1 hat es auf die Polstersessel gelegt.
Warum erlaube ich Hirn den Kindern, die Tickets anzunehmen? Die finden das grossartig und streiten immer drum, wer´s annehmen darf. Am Eingang eines jeden Parkhauses oder Parkplatzes stehen Wachmannschaften in unheimlich wichtigen und schicken Uniformen und verteilen Tickets. Wenn man rausfährt gibt man diese Tickets wieder ab – ohne was zu zahlen oder sonstiges. Wir sind noch nicht hinter den Sinn dieser Tätigkeit und dem Nutzen eines solchen Tickets gekommen. Vielleicht ist das ein Schutz vor Auto-Diebstahl oder so? Wer weiss! Aber eigentlich wollte ich in meinem derzeitigen seelischen Zustand nicht ausprobieren was passiert, wenn ich dieses verdammte Ticket nun nicht habe. Leider ist mein Ticket wohl im Aufräumwahn der Schuhverkäufer-Mafia im Mülleimer gelandet. „Ist jetzt auch egal! Und wenn ich am Wachposten vorbei preschen muss. Ich will jetzt nur noch nach Hause.“
Ich steige müde und kraftlos in´s Auto. Die Kinder sind still! Sie haben Mitleid mit mir, das merke ich. Und sie sind aufgeregt, weil Mama so frech ist und ohne Ticket aus dem Parkhaus fahren will. Scheint fast so schlimm für sie zu sein, wie jemanden die Treppe runter zu schupsen oder was zu klauen. Sogar Sohn hält mal die Klappe. Tochter 1 nuschelt „schuldigung“ und wir fahren zum Gate. Ich mache die Scheibe runter und der Wachmann salutiert.“No have“ sage ich zerknirscht. Da lacht er mich ganz nett an und macht eine abwiegelnde Handbewegung, er salutiert und winkt fröhlich in´s Auto rein. Die Kinder haben Spass und salutieren zurück. Das finden sie toll. Schliesslcih sieht der Wachmann in der weissen Uniform aus, wie ein Prinz. Dann schiebt er auch noch den Kopf durchs Fenster und guckt mit seinen lustigen braunen Augen ins Auto rein. Die Kinder winken und freuen sich. Sohn quiekt und ich sage „kop khun kap“ (danke schön) und er lacht immer noch und sagt: „mai kap“ (nichts zu danken). An Tagen wie diesen reicht ein freundliches Lächeln, ein netter Gruß und wenige Fetzen Englisch/Thai um wieder runter zu kommen. Ich fahre ganz entspannt nach Hause. *big smile*