München, Freitagabend 19.00 Uhr, Regen. Wir schälen uns aus dem Flugzeug und ich bin seelisch auf die Schlacht am Gepäckband vorbereitet. Da ich eine unerlaubte Buddha-Figur mit mir führe, war ich ebenso auf Probleme beim Zoll vorbereitet. Hoffentlich würde wenigstens mit dem Mietwagen alles glattlaufen… aber ein Schritt nach dem anderen:
Schritt ist gut, erstmal aus dem Flughafen rausrollen. Praktisch vom Flugzeug weg, wurden wir auf Rolltreppen transportiert und mussten nur von einer Rolltreppe zu nächsten gehen. Durch geräumige, lichtdurchflutete Hallen rollten wir also hinaus und unser Gepäck konnten wir ganz entspannt vom Band lupfen. Sofort stand uns ein leichtfüssiger Trolly zur Seite, der sich nicht sogar einhändig schieben liess. Wir passierten anschliessend sogar, ohne Aufsehen zu erregen, den Zoll.
Dann wussten wir aber nicht mehr weiter. Kaum 8 Monate aus Deutschland weg und schon völlig orientierungslos. Wir steuerten einen Infostand an. Die Frau dort war superfreundlich uund wies uns den Weg. Tochter1 fand super, dass die Frau deutsch sprach, da braucht man nicht „so umständlich mit englisch rummachen“ (O-Ton Tocher). Bei der Autovermietung angekommen erhebt sich eine junge Frau hinter einem organge leuchtenden Counter und singt: „Halllohooo!“ wie eine alte Bekannte. Tochter1 schaut mich erstaunt an und sagt: „Mama, die ist aber nett! Kennen wir die?“ Mir ist egal, dass diese Dame womöglich im Sixt-Behaviour-Camp darauf gedrillt wurde, jeden so zu empfangen… völlig egal. Auch egal ist mir, dass ihre Kollegin in Wuppertal genau den gleichen Tonfall drauf hat und ebenso supi nett ist. Ich denke mir: „Ja, das ist mein zu Hause. Mein Deutschland. Alle sind nett und freundlich, kompetent und wissen was sie tun!“ Sorry, aber den Luxus hatte ich in den letzten 8 Monaten nicht mehr.
Ach, es ist einfach nur nett, nach einer solchen langen Reise so freundlich bedient zu werden. Die Dame guckt die Kinder an und dann ist sie schon mit den passenden Kindersitze wieder da. Scheinbar zeitgleich hämmert sie meine Daten in ihren Rechner und töttert dabei noch mit mir. „Ach, sorry“ flötet sie. „Uns ist da ein kleiner Fehler unterlaufen! Leider haben wir den Beatle nur als Cabrio…!“ So ein Mist aber auch. Wäre ich jetzt Single mit Handgepäck reisend würde ich ja sofort zuschlagen, meine Designer-Sonnenbrille aufsetzen, die Haare auf und rauf auf die Autobahn. Aber ich habe zwei meiner drei Kinder dabei. Einen Koffer, der schon eher als Schlachtschiff bezeichnet werden kann, Reisetaschen, eine Menge Handgepäck und zwei fette Kindersitze *hoil*. Die Dame am Counter guckt auch etwas mitleidig, als ich enttäuscht den Cabrio ablehne und nach einem geschlossenem Wagen mit „richtig Kofferraum“ frage. „Da haben wir leider nur den Alfa 159, ein Kombi.“ „Öh, wie blöd!“ denke ich, „voll die Familienschleuder. Ich wollte eigentlich ein bisschen cool daher kommen. Aber na gut, wenn´s nichts anderes gibt.“ „Gleicher Preis?“ frage ich noch. „Natürlich!“ singt die Dame „war doch unser Fehler!“ Na dann. Dafür hat das Auto Navi und ich kann mich statt auf meine mitgebrachte Karte, darauf konzentrieren, auch immer schon rechts zu fahren. Ob ich das noch kann?
Wir düsen wir mit Trolly, halb schlafender Tochter2 und den Kindersitzen auf´m Arm ins Parkhaus… und werden blind. Steht da ein niegelnagelneuer Alfa Romeo 159, Kombi… aber was für ein Kombi. Ist schon eine Frechheit, so was Kombi zu nennen. Ich würde mich beschweren, wenn ich der wäre. Schwarz, breite Reifen, Alufelgen, Sportausstattung, schwarze Ledersitze… unglaubliches Geschoss, das Ding – irgendwie ein bisschen sexy, finde ich. Ich fühl mich dann auch gleich „much sexier“ und vergesse meine Kinder, meinen Mann… mach die Haare auf, setzt die Sonnenbrille auf und will losfahren.
Allerdings brauche ich 10 min. bis ich das Auto überhaupt anhabe. Aber ich weiß nicht, wo ich was hinstecken soll. Einen Schlüssel gibt es nämlich nicht. Nur einen eckigen Klotz, den man in einen Schlitz stecken muss. Dann „starten“ drücken. Auto meldet, ich soll die Kupplung treten oder den Gang rausnehmen. Mach ich! Auto meldet, ich soll die Breme treten. Mach ich auch! Auto startet. Die Kinder stehen immer noch draussen und staunen, was ich alles kann und hoffen, dass ich sie vor lauter Sex und Technik nicht vergesse. Wir verpacken unsere Habe und düsen 50 min. nach unserer Landung schon über die Autobahn, Richtung Oma. Ich brauche mich gar nicht umgewöhnen. Von wegen Rechtsverkehr! Mit Blinker raus, Lichthupe an, düse ich auf der linken Spur und komm mir tatsächlich vor, wie ein ganzer Kerl. Jetzt verstehe ich ein bisschen, warum Männer sich so was kaufen. Die müssen sich vorkommen, wie Prinz Protz in so einem Geschoss. Kann man schon ein bisschen seine Potenz und sein mäkeliges Aussehen mit aufpolieren (was ich natürlich überhaupt gar nicht nötig habe!!!)
Am nächsten Morgen das böse Erwachen. Der Autoschlüssel plumpst mir aus Versehen in den Koffer, der immer noch im Kofferraum liegt, weil Frau zu faul war, das Gepäck auszuräumen. Dachte, das bisschen das wir brauchen, können wir uns immer bei Bedarf aus dem Auto holen. Toller Trick! Vor allem jetzt, wo wirklich alles (bis auf die frische Unterhose, die ich in der Hand halte) incl. Autoschlüssel im Auto liegt und das Auto leider zu ist. Zu, verriegelt, verrammelt. Es geht nix mehr. Kein Griff, kein Knopf, nix. Ich bleibe ganz ruhig (gelebtes Thai-Behaviour eben) und rufe bei Sixt an. Wieder ein supi netter Tyo, der mir alle Möglichkeiten der 1. Hilfe in den schönsten Farben und mit den dazugehörigen Preisen ausmalt. Langsam fange ich an zu schwitzen und sehe mein Urlaubsgeld den Bach runterrinnen… als er fragt:“…oder sind sie zufällig ADAC-Mitglied?“ ZUFÄLLIG???? He, ich bin Goldmitglied, Junge. Und zwar seit meinem 16. Lebensjahr und JA, ich habe NICHT gekündigt… aus Prestigegründen. Ich gebe doch nicht meine langerarbeitete goldene Mitgliedskarte ab. Yupieh! Der ADAC ist so toll! Und kommt auch gleich. „10 min bis zu einer Stunde“, sagte der Mann am Telefon. Da konnte ich gerade noch duschen und schon stand schon wieder ein netter Kerl vor der Tür („Ach, sind die alle nett hier!“)
„Leider rühmt sich Alfa damit, dass der neue 159er unöffenbar ist!“ sagt der gute Mann. Ich schwitz schon wieder. Der ADAC-Mensch telefoniert die meiste Zeit rum, hebelt hier mal was und da mal was… nix geht. Dann ein entscheidender Tip von einem Autoknacker aus Polen (wahrscheinlich). Irgendwie Motorhaube öffnen (von innen, mit aufgehebelter Tür und gebogener Antenne am Öffner ziehen = 20 min.) Stromkreislauf kurzschliessen und dann geht alles auf. Wegfahrsperre noch aufheben… nach einer Stunde war die Karre auf . Gott sei Dank! Der ADAC-Mann hat sein Erfolgserlebnis und ich wieder einmal die Gewissheit: „Auf meine Landsleute kann ich mich verlassen!“ In Thailand hätte ich das Auto tatsächlich wegschmeissen müssen. Was für eine Schande das gewesen wäre. Weil der ADAC-Mann und ich so ein Super-Team waren, musste ich noch nicht mal wegen daheimgebliebender Mitgliedskarte in Vorkasse treten.
In diesen ersten Tagen habe ich mich wieder ganz schnell als ein Teil vom Ganzen gefühlt. Die Sixt-Frau und ich, der Sixt-Mann am Telefon, der ADAC-Mensch und meine Oma, später die Schuh-Fachverkäuferin in Pforzheim und die Unterwäschen-Fachangestellte bei Sinn und Leffers in Remscheid – wir waren alle ein Team. Alles ging Schlag auf Schlag und Hand in Hand, präzise wie ein Uhrwerk. Wenn einer sagt, er kümmert sich um etwas, dann tut er es und hört nicht damit auf, wenn´s plötzlich anstrengend oder zu aufregend wird. Deutschland ist wirklich ein Team – ein teures zwar… aber Sicherheit und Verlässlichkeit haben nun mal ihren Preis.