Eigentlich wollte ich dieser Stelle einen Artikel ueber die ‘Auswuechse des Expatlebens’ schreiben, bin dann aber bei meinen Recherchen auf etwas sonderliches gestossen und das hat mich irgendwie zum Nachdenken angeregt. Was so dabei heraus kommt, wenn ich nachdenke?
Ich bin ein Gastarbeiter!
Eigentlich nenn ich mich ja Expatriate (lat.: ex = aus, heraus; patria = Vaterland). Das ist jemand, der im Ausand wohnt und arbeitet, aber nicht an einer Einbuergerung interessiert (um Gottes Willen… NEIN!!!) ist. Viele Expats froehnen in ihrer Wahlheimat einem gehobenen Lebensstandard, weil sie von Arbeitgebern entsendet wurden und diese sich das „was kosten lassen“.
Dann bin ich beim Wikipedia-Lesen ueber die Bezeichnung ‘Gastarbeiter’ gestolpert. Nicht ein ganz so schickes Wort wie ‘Expat’ und vielleicht ein bisschen *Nase ruempf*. Also, ein Gastarbeiter will ich jetzt nun nicht sein. Das hoert sich nicht so schick und flott an, wie ‘Expat’. Ne, gar nicht. Aber was ist denn der Unterschied?
Wenn man naemlich aus suedeuropaeischen Laendern nach Deutschland kommt, um dort zu arbeiten, bekommt man den Titel ‘Gastarbeiter’ – gesetz den Fall, man ist nicht an einer Einbuergerung interessiert. Ein Medienmanager aus Rom, der in Hamburg in einer erfolgreichen PR-Agentur arbeitet… ein Gastarbeiter?, ein Russe der deutsche Oelbohrfirmen als Ingenieur mit seinem Know-how unterstuetzt… ein Gastarbeiter ? Aber eine Deutsche (nicht ICH jetzt…) in Madrid (egal was sie macht, sie kann auch den lieben langen Tag Blumen pfluecken, sie trocknen und danach rauchen) ist ein Expat? Wieso? Waere das nicht nett, wenn wir alle Expats waeren?
Merkmal eines Expats ist im Uebrigen auch, dass er seine Kultur beibehaelt, weil er plant irgendwann zurueckzukehren in die Heimat oder aber weiterzuziehen. In vielen (meist asiatischen, afrikanischen) Laendern ist fuer den Expat ein Leben mit den Einwohnern der Gastgeberlaender kaum moeglich. Da gibt es keinen Kuschelkurs, keine Assimilierung, wie vielleicht manche denken moegen. Der Expat ansich ist auch nicht automatisch total tolerant und auslaenderfreundlich, nur weil er ein Expat ist. Im Gegenteil. Bei manchen habe ich tatsaechlich das Gefuehlt, dass sie aufgrund der Entfernung (auch der mentalen) von zu Hause, noch mehr an alten Zoepfen verhaftet bleiben und krampfhaft versuchen eine nationalistische oder, etwas weicher ausgedrueckt eine patriotische Kommunitiy um sich herum aufzubauen. Sie rotten sich zusammen. Und das tuen sie alle – alle Nationen. Die Briten, die Russen, die Deutschen… Warum? Weil’s so schoen ist, verstanden zu werden. Und das ist leichter, viel leichter, mit Landmaennern – und frauen. Das ist so!!!
Expats wohnen in eigens fuer sie erschaffenen Wohnvierteln oder Komplexen. Da gibt es noch weniger Annaehrung an Land und Leute, Kultur und Religion und ich glaube, dass wird auch von keiner Seite, weder von den Gastgebern noch von den Gastarbeitern (oder den Expats :-) uebermaessig erwartet. Klar geht man mal in den Tempel, zelebriert den ein oder anderen Feiertag mit, aber man ist nicht ganz dabei… nicht so, wie bei den eigenen Traditionen. Und man wuerde nie seine eigenen Feiertage dafuer aufgeben. Oder?
Genau, wie es Expats im Ausland tun, schaffen sich Gastarbeiter in Deutschland einen eigenen Raum, in dem sie leben und existieren koennen. Einen gesicherten Lebensraum, in dem sie ihre Kultur nicht aufgeben muessen, in dem sie sich nicht in allem anpassen muessen. Am besten noch eigene Schulen, oder wenn das Geld fehlt, Schulen, in denen man sich zusammen rotten kann. Weil’s eben einfach schoen ist, sich zusammen zu rotten. Nicht alleine zu sein in der Fremde!
So entstehen Ghettos.
Ich selbst leben auch in einem Ghetto. Manchmal - leider! Manchmal- zum Glueck!
Leider: weil ich die Menschen, mit denen ich taeglich zusammen arbeite, mit denen ich viel Zeit verbringe trotzdem nicht verstehe, nie verstehen werde (und auch nicht verstehen will, wenn es dazu gilt, meine Kultur und meine Gepflogenheiten ueber den Jordan zu schicken) Waere doch schoen, wenn ich auch privat mehr mit ihnen zu tuen haette und wenn ich tiefgreifende Gespraeche ueber Gott und die Welt mit ihnen haben koennte. Wenn einer von ihnen ein Nachbar waere, der auf einen Drink herueber kommt und einen Schwatz halten wuerde. Leider, leider…
zum Glueck: weil auch mir daran liegt, in diesem fremden Land, mit diesen fremden Geruechen, dunklen Gesichtern, durchgeknallten Verkehrsteilnehmern und viel zu lauter Ramtamtam-Musik manchmal doch Waffelduft mit heissen Kirschen zu riechen, einen Schmorbraten (die Nachbarin!!! Ich kann das nicht), Jamiroquai oder Weihnachtslieder ueber den Gartenzaun zu hoeren, einen Starbucks-Caffe zum Fruehstueck trinken oder einen bunt geschmueckten Osterstrauss sehen, einen schmutzigen Witz hoeren, dazu das dreckige Lachen, ein Kind weinen, eine genervte Mutter, all so was. DAS muss sein. Das ist meine Kultur, dass ich mein Leben… da sind Gerueche und Geraeusche in denen ich etwas wiedererkennen kann, Gesichter in denen ich lesen kann. In denen ich eine Gefuehlsregungen erkenne und vielleicht besser verstehen kann, was mein Gegenueber von mir will… Und wenn ich mich dann gerade so pudelwohl in meiner Expat-Community fuehle (weil alle so gleich sind, wie ich ;-), dann fuehle ich mich auch ganz ganz nah, an allen Gastarbeitern oder Immigranten (letztere sind ja die, die eine Einbuergerung ganz unbedingt wollen und die dafuer ihre eigenen Staatsbuergerschaft aufgeben wuerden),, die versuchen in Deutschland ein kleines bisschen „ihres“ Lebens aufrecht zu erhalten, sich ein bisschen anzupassen… ohne sich ganz selbst zu verlieren. Wie schwer muss das sein, wenn man nicht den finanziellen Rueckhalt eines Arbeitgebers, den deutschen Reisepass unter dem Kopfkissen und das troestende dicke Portemoine (resultierend aus einem relativ bestaendigen Job) in der dicken Hose hat.
Jetzt gebt’ mir ruhig fiese Kommentare. Alle fremdenfeindlichen Kommentare werden eh durch Zensur geblockt. Alles andere kann ich vertragen. Ich bin ja weit weg und heul auch nicht. Und wenn doch, hol’ ich mir zum Trost einen venti Starbucks Coffee… dann ist alles wieder gut. Der schmeckt wie zu Hause, wie in Bullerbue… ach, wie ueberall auf der Welt.